Hagenbuttentee

Ich war im Spital
.gestern wurde ich vorläufig nach
Hause entlassen, in die Obhut meines Hausarztes und der Spitex. Eine feine Sache.
Sie müssen viel trinken" hatten
mich alle Schwestern immer wieder ins Gewissen geredet und ich wollte sie nicht
enttäuschen. Ich trank was das Zeug hielt.
Am ersten Tag klappte das auch wunderbar.
Was möchten sie heute trinken"
wurde ich am zweiten Tag sehr freundlich gefragt. Mir war es egal, denn ich fühlte mich
viel zu elend....und wie was schmeckte war mir völlig wurscht !
wir haben
Lindenblütentee, Hagenbuttentee, Pfefferminztee
oder hätten sie lieber
Mineralwasser?" Ich weiss, dass Hagenbuttentee ganz besonders gesund sein soll, er
gefällt mir auch gut wegen seiner schönen roten Farbe. Hagenbutentee wäre fein,
danke"
Die Zeit verging. Als gegen Ende des
Vormittags noch kein Hagenbuttentee gebracht war, fragte ich die nächste Schwester die
durchs Zimmer rauschte äxgüsi Schwöschter, händsi min Tee ächt vergässe"?
Oh tut mir leid, er kommt sofort, viel trinken ist jetzt sehr wichtig für
sie!"
Ich war gerade eingenickt...wumm, die Tür
wurde aufgerissen und eine männliche Schwester knallte mir eine Halbliterflasche
Mineralwasser auf meinen Nachttisch und weg war er. Folgsam wollte ich trinken. Meine
Handgelenke sind auch nicht mehr was sie einmal waren, wen wundert's da, dass ich beim
besten Willen die Flasche nicht öffnen konnte. Abwarten, da kommt sicher bald wieder
jemand vorbei.
Aber niemand kam....und die Zeit verging.
Als mir das Mittagessen gebracht wurde nutze
ich die Gelegenheit und bat, dass man mir die Flasche öffnen möge. Möchten sie
nicht vielleicht lieber Tee" nein, nein, Wasser ist schon gut" meinte ich
bescheiden, etwas weniger bescheiden war vielleicht, dass ich auch noch ein Glas dazu
verlangte. Tapfer lächelte sie mich an, nahm die Flasche und stapfte aus dem Zimmer.
Ich bringe Ihnen besser einen Krug Tee, sie hatten doch Hagenbuttentee, ja?"
Ich staunte, dass sie das noch wusste.
Wiederum geschah nichts, einfach nichts.
Jetzt hatte ich gar nichts mehr. Kein Wasser, keinen Tee und kein Glas, einfach nichts.
Später einmal steckte jemand den Kopf durch
die Tür und ich hakte gleich nach und fragte nach meinem Tee, den ich dann in den
nächsten paar Minuten auch tatsächlich bekam. Mit Gegrochse habe ichs geschafft
mich aufzusetzen, aber gopfridschtutz
.der Deckel von der Themosflasche sass
für meine Möglichkeiten viel zu fest. Es hätte mir auch gar nichts genützt,
denn........ von einem Glas keine Spur!
Gegen Abend kam dann meine Tochter vorbei,
Gott segne sie, in ihrem jugendlichen Alter ist es ihr mühelos gelungen den Deckel von
der Thermosflasche abzuschrauben, ein Glas zu beschaffen und ....... sie schenkte einen
wunderschönen, goldgelben Lindenblütentee ein. Trinken konnte ich ihn zwar noch
nicht, er dampfte immer noch wie die Spanischbrötlibahn zu ihren besten Zeiten, aber er
leuchtete so wunderschön im Glas
.als wäre er ein edler Tropfen.
Natürlich geschieht mir das alles recht,
denn über jedem Bett hängt ein Knopf und wenn man den drückt erscheint augenblicklich
eine Schwester oder ein Pfleger, also was solls.
Warum nennt man eigentlich im Spital eine
männliche Krankenschwester nicht Krankenbruder, oder einen weiblichen Pfleger nicht
Pflegerin?
27.Februar 1999
ms